Steinrücken 4a, 77736 Zell am Harmersbach
+49 176 37224515
cpilz@textwerkstatt-pilz.de

Die 10.000-Stunden-Regel: Ist wirklich alles erreichbar?

Texten & Bloggen

Die 10.000-Stunden-Regel: Ist wirklich alles erreichbar?

Die 10.000-Stunden-Regel ist ein Phänomen für sich. Egal ob im privaten oder beruflichen Bereich. Anfang der 1990er-Jahre hat sich die Regel aufgrund eines Buches zu einem Hype entwickelt, bevor sich die ersten Zweifel meldeten. Nicht umsonst haben sich einige Wissenschaftler mit der Regel beschäftigt. Lässt sich in 10.000 Stunden wirklich alles erreichen?

Wie es zu der Regel kam

Zu der 10.000-Stunden-Regel kam es, nachdem die Psychologen Anders Ericsson, Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer wissen wollten, was erfolgreiche Meister unterschiedlicher Gebiete ausmacht. Und ob in diesem Zusammenhang die allgemeine Volksweisheit „Übung macht den Meister“ stimmt. Aufgrund dessen verfasste der Autor Malcolm Gladwell den 1993 erschienenen Bestseller „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“.

Die 10.000-Stunden-Regel und ihre Zweifel 10.000 Stunden sind 416 Tage, rund um die Uhr. Oder täglich 2 Stunden und 44 Minuten über 10 Jahre. Es ist nicht verwunderlich, dass hier bereits die ersten Zweifel kommen. Was bringt die 10.000-Stunden-Regel wirklich?

Die kurze Zusammenfassung der Regel besagt, dass 10.000 anstrengende Stunden voller Fleiß, Ausdauer und Disziplin zu einem Thema benötigt werden. Erst dann wären die notwendigen Kenntnisse zu einem Thema vorhanden um zu den besten Experten und Meistern weltweit zu zählen. So wird es im Buch geschildert. Aber wie sieht die Regel in der Praxis aus: Lohnen sich Blut, Schweiß und Tränen wirklich?

Der US-Neurologe Daniel Levitin sagte einmal nach seiner Studie zur 10.000-Stunden-Regel: 10.000 Übungsstunden werden benötigt um das Niveau eines Weltklassen-Experten zu erreichen – in allem. Demnach lässt sich nicht nur mit Talent erfolgreich sein, sondern auch mit konsequentem üben. In diesem Zusammenhang wurden von den Wissenschaftlern acht Regeln zum richtigen Üben entwickelt. Aber dies erklärt noch nicht, warum manche in ihren Übungseinheiten mehr erreichen, als andere. Auch nicht, wie manche Experten und Meister ihren Stand mit deutlich weniger Übungsstunden erreicht haben.

Der Psychologie-Professor David Z. Hambrik der Michigan State Universität setzte sich mit fünf weiteren Kollegen zusammen. Sie werteten die Daten zu 14 Studien aus, die sich mit der 10.000-Stunden-Regel beschäftigten. Grundlage waren unter anderem Elitemusiker und –Schachspieler. Auffällig war, dass 20 Prozent der Elite nicht einmal 5.000 Übungsstunden benötigten, um als Meister zu gelten. Zahlreiche andere Experten haben höchstens 7.500 Stunden benötigt. Den Gegensatz bildete allerdings eine sehr große Gruppe Menschen, die mehr als 10.000 Stunden anstrengenden Übens geleistet haben. Dennoch sind sie im besseren Mittelfeld hängen geblieben.

Vieles wird für Erfolg benötigt

Der Wissenschaftler Brooke Macnamara fasste es treffend zusammen: Es gibt keine Zweifel, dass vieles und bewusstes Üben wichtig ist. Aber es ist nicht ganz so wichtig, wie es angenommen wurde. Auch Markus Raab als Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule Köln hegt Zweifel. Er hinterfragte selbst die Regel und teilte mit, „dass lediglich etwa 20 Prozent der sportlichen Leistungen durch Trainingsstunden erklärt werden können“. Was letztlich ebenfalls heißt, dass Erfolg nicht nur aus Üben besteht, sondern zusätzlich andere Faktoren wie Leidenschaft und Talent benötigt.

Es gibt sogar Theorien, die so weit gehen, dass die Genetik eine Rolle mitspielt. Unbestritten ist, dass zahlreiche Stunden zum Üben benötigt werden, um ein Ziel zu erreichen. Doch neben der Zeit, dem Ehrgeiz, der Leidenschaft und dem Talent braucht der Erfolg die richtige Art zu üben. Vieles üben bringt nichts, wenn die Qualität nicht stimmt. Die richtige Strategie wird benötigt. Lange Zeit hieß es, dass die bloße Wiederholung ausreichen würde. Inzwischen wurde aber gezeigt, dass die richtige Abwechslung von Übungseinheiten zielführender ist. Sind die Voraussetzungen nicht gegeben, kann man sich auch nicht zum Experten entwickeln.

Fazit Lediglich bei 12 Prozent aller Übenden trifft die 10.000-Stunden-Regel zu. Daher sollte im Vorfeld klar sein, ob genug Wille und Leidenschaft vorhanden ist, etwas Neues zu lernen. Denn Disziplin und Ausdauer ist leidglich eine Ergänzung für Talent, kein Ersatz. Das Alter spielt übrigens keine Rolle dabei. Auch ältere Menschen sind im Rahmen ihrer Gesundheit in der Lage neues zu erlernen, wenn auch manches etwas mehr Zeit benötigt. Disziplin ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil zum Erfolg, dennoch sollte jedem Bewusst sein, wo die eigenen Grenzen sind.

Anmerkung

Die Wahrheit der 10.000-Stunden-Regel

Der Psychologe K. Anders Ericsson hat sich übrigens vom Bestseller-Buch Überflieger distanziert. Er meinte, dass Malcom Gladwell seine Theorie stark vereinfachte und damit der Glauben entstanden ist, dass jeder mit der ausreichenden Anzahl an Übungsstunden sich als Experten oder Champion sehen würde. Der Psychologe selbst ist der Meinung, dass nicht nur die Anzahl der Übungsstunden wichtig wären, sondern auch wie die Stunden sinnvoll ausgefüllt werden müssen. In seiner Studie zur 10.000-Stunden-Regel kam Ericsson die Einsicht, dass nur eine bestimmte Art des Übens zur Meisterschaft führt: Dem Deliberate Practice. Das heißt nichts anderes als bewusstes und gezieltes üben. Sich also bewusst zu machen, wo seine Schwächen sind und durch üben zu beseitigen.

Zusätzlich haben sich durch das Hype-Buch Probleme verbreitet, die als solche nicht gedacht waren:

#1: 10.000 Stunden ist willkürlich gewählt Die Menge der erbrachten Übungsstunden hat letztlich nichts damit zu tun, ob jemand ein Meister in seinem Fach wird. Selbst Mozart musste für seinen Erfolg üben. Nur dass dieser schon mit 3.000 Stunden sehr erfolgreich war. Was klar zeigt, dass die Anzahl der Übungsstunden von der Art des Übens, Talent und Begeisterung abhängig ist.

#2: Wiederholungen ohne Ende Alle Übungen müssen immer wieder wiederholt werden, damit diese in Erinnerung bleiben. Allerdings wird häufig vergessen, dass auch die eigene Komfortzone verlassen werden muss, um weiter zu kommen. Dazu kommt die einseitige Art des Übens durch starres wiederholen verursacht.

Übrigens: Im Beruf zeichnen sich gerade einmal 1% der Übenden durch die Deliberate Practice aus. Das liegt unter anderem daran, dass man häufig bereits als Experte gilt, sobald sie mehr wissen und / oder können als die meisten anderen Menschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.